AHGZ Interview mit Otto Lindner

"Wir haben ein Imageproblem"

Der Vorstand der Lindner Hotels & Resorts über die Stimmungsmache gegen die Hotellerie und dringend notwendige Aufklärungsarbeit in Sachen Mehrwertsteuersenkung

Ist die Rücknahme der Steuererleichterung für die Hotellerie vom Tisch?


Lindner: Nein, auf keinen Fall. Der Finanzminister hat zwar vergangene Woche verkündet, dass eine grundlegende Überarbeitung der Mehrwertsteuer in dieser Legislaturperiode nicht mehr passieren wird. Doch wir alle haben in den vergangenen Wochen gelernt, dass die Haltbarkeit politischer Aussagen sehr kurz sein kann.Für uns Hoteliers heißt das: Die Stimmungsmache gegen uns geht weiter.
Im Herbst wird zudem eine Expertenkommission grundsätzlich das Thema Mehrwertsteuer-Erhöhungen überprüfen. Bis dahin haben wir jede Menge Aufklärungsarbeit vor uns!

Sie haben in der AHGZ beklagt, dass in der Öffentlichkeit auf die Hotellerie eingeprügelt wird. Wie erklären Sie sich diese Rolle als Prügelknabe?

Lindner: Wir haben ein Kommunikationsproblem. Uns Hoteliers ist es nicht gelungen, unsere Sachargumente zu kommunizieren. Da müssen wir auch selbstkritisch sein. Vor allem müssen wir daraus lernen. Das heißt: Jeder von uns muss jetzt auf Meinungsführer, Abgeordnete, Journalisten, Kunden in seiner Umgebung zugehen und aktiv den wahren Hintergrund der Mehrwertsteuerersenkung erklären.

Welches sind denn die wahren Gründe?

Lindner: Es geht in erster Linie darum, gleiche Wettbewerbsbedingungen für alle Hoteliers in ganz Europa zu schaffen. 23 von 27 europäischen Ländern, darunter fast alle Anrainerstaaten, haben einen reduzierten Mehrwertsteuersatz auf Übernachtungsleistungen, die Hälfte zusätzlich noch auf die Gastronomie. Was noch nicht in der Öffentlichkeit deutlich gemacht wurde: Wir leben in einem globalen Wettbewerb. Die Entscheidung für ein Hotel fällt nicht auf der lokalen, sondern auf der globalen Ebene.

Das öffentliche Bild von der Hotellerie ist ein verzerrtes Bild. Welches sind die am häufigsten genannten Irrtümer?

Lindner: Die Hotellerie leidet unter Heile-Welt-Klischees, die in romantisierenden TV-Serien regelmäßig aufgefrischt werden. Dort sind Hoteliers reich, fahren Bentley und verlieben sich in das Zimmermädchen. Wir alle kennen die Realität. Das Gros der Hotelbranche stellen mittelständische Hotelbesitzer, die in einem sehr harten Wettbewerbsumfeld leben und von einer Mini-Rendite leben müssen. Das muss kommuniziert werden.

Welche Folgen hätte es, wenn die Senkung der Mehrwertsteuer für die Hotellerie zurückgenommen werden würde?

Lindner: Das wäre eine Katastrophe. Schon 2005 mussten wir die 3-prozentige Mehrwertsteuer-Erhöhung vor allem im Businessbereich komplett schlucken. Bei der aktuellen Reduzierung konnten wir im Ergebnis nicht mehr als 50 Prozent an die Kunden weitergeben. Wird die Mehrwertsteuer wieder um 12 Prozentpunkte erhöht, bedeutet das unterm Strich einen Umsatzrückgang um 6 Prozentpunkte im Vergleich zu Ende 2008. Wir stünden schlechter da als je zuvor. Das bedeutete für viele Hoteliers das Aus.

Die Mehrwertsteuersenkung steht in der Öffentlichkeit gleichsam als Symbol für ungerechte Klientelpolitik. So werden in der Spardebatte Kürzungen bei den Arbeitslosen ausgespielt gegen Erleichterungen für die Hotellerie. Stimmt die soziale Balance?

Lindner: Was ist sozialer als Arbeitsplätze zu schaffen? Gerade die Hotellerie ist eine extrem personalintensive Branche, die vielen Arbeitnehmern, auch ungelernten Kräften, tolle Chancen zum Wiedereinstieg bietet. Seit Anfang 2010 sind mehr als 5500 Arbeitsplätze entstanden, zehntausende, die aufgrund der Wirtschaftskrise gefährdet sind, sind gerettet worden - das müssen wir kommunizieren.

Wie solidarisch ist die Branche?

Lindner: Abgesehen von einzelnen, die sich bar jeder Sachkenntnis als Kronzeuge für die Gegenseite missbrauchen lassen, ist die Solidarität enorm.

Der DEHOGA ist sehr aktiv. Doch was kann darüber hinaus der einzelne Hotelier tun, um die Öffentlichkeit über seine tatsächliche Lage aufzuklären?

Lindner: Jeder von uns ist gefragt. Das heißt, jeder sollte das Visier hochklappen und die offene Auseinandersetzung in sachlicher Weise in seinem Umfeld aktiv suchen. Jedes Mal, wenn ich dieses selber tue, erfahre ich ein hohes Maß an Verständnis und Überraschung bei den Gesprächspartnern, die über die wahren Hintergründe der politischen Entscheidung, aber auch über die Marktbedingungen in der Hotelbranche so gut wie nichts wussten. Das sollte uns zu denken geben. Wir haben in der Branche ein Imageproblem. Das wird uns den Kopf kosten, wenn wir nicht durch engagierte Kommunikation – natürlich unter der aktiven Führung durch den DEHOGA und der IHA – dagegen steuern.

Quelle: AHGZ, die Fragen stellte Hendrik Markgraf

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