22.05.2009

Dow Jones - Einkäufer im Markt, 15.05.2009:
Hotels entdecken in der Krise den Einkauf

„Die Kosten im Einkauf zu senken ist in der Hotellerie derzeit ein absolutes Brennpunktthema“, sagt Jochen Oehler, Geschäftsführer der progros Einkaufsgesellschaft mbH. „Denn eine Reduzierung der Einkaufskosten um nur zwei Prozent erhöht den Gewinn eines Durchschnittshotels um satte 14%“, wie Oehler anlässlich eines Pressegesprächs in Frankfurt ausführte. Die Branche werde sich dieser Hebelwirkung zunehmend bewusst, insbesondere vor dem Hintergrund des schweren Wirtschaftseinbruchs, der auch vielen Hotels zu schaffen mache. Für den höheren Stellenwert des Einkaufs spreche auch der Umstand, dass dieser „mehr und mehr zur Chefsache“ wird, hebt Oehler hervor.

Die progros Einkaufsgesellschaft mbH mit Sitz in Eschborn besteht seit 1986 und hat 32 Mitarbeiter. Derzeit nutzen rund 600 Hotels und Hotelketten der Vier- und Fünf-Sterne-Kategorie mit mindestens 1 Mio EUR Jahresumsatz die Dienstleistungen von progros.
Die Einsparungen, die progros für seine Kunden erreicht, beliefen sich 2008 auf rund zwölf Mio EUR. Von diesen sind nach Angaben des Unternehmens 1,5 Mio EUR direkt in die Hotels zurückgeflossen. „Wir machen, dass Hotels besser einkaufen“, beschreibt Jochen Oehler das Geschäftsmodell von progros. Im vergangenen Jahr stieg das gesamte Einkaufsvolumen des Unternehmens um mehr als elf Prozent auf 367 Mio EUR, davon  wurden 120 Mio EUR (plus 32,7% gegenüber 2007) zentral über progros abgewickelt.
Dieses zentral regulierte Einkaufsvolumen, das im Jahr 2000 noch bei 17,5% lag, ist in den vergangenen Jahren stetig gestiegen − für Oehler ein Indiz dafür, dass die Hotellerie die Zeichen der Zeit erkannt hat und die Einkaufskosten energischer als bisher in Angriff nimmt.
Allerdings liege das Hotelgewerbe, was die Professionalität des Einkaufs betrifft, noch weit hinter anderen Wirtschaftsbranchen zurück. Oehler verweist auf eine Studie des Supply Chain Management Institute an der European Business School EBS aus dem Jahr 2006: Danach hat die Hotellerie den geringsten Reifegrad im Einkauf aller untersuchten Branchen.
Dies liegt vor allem an der geringen Bedeutung, die der Qualifikation der Einkäufer beigemessen wird. Nach Angaben von Oehler kommt ein Einkäufer in der Hotellerie im Schnitt in den Genuss eines halben bis eines Schulungstages pro Jahr − den Verkäufern, mit denen die Hotel-Einkäufer über Preise und Konditionen verhandeln müssen, stünden dagegen durchschnittlich acht Tage im Jahr für die berufliche Weiterbildung zur Verfügung. „Die Defizite etwa bei der Verhandlungsführung oder den Präsentationsfertigkeiten sind enorm“, beklagt der progros-Chef die desolate Lage des Einkaufs im Hotelgewerbe.

Dabei hätten viele Hotels einen professionellen Einkauf dringend nötig. Denn die Unternehmen sparen in der Rezession nach Oehlers Worten „drastisch“ an den Ausgaben für Geschäftsreisen und Tagungen außer Haus, was die Umsätze der Hotels mit Geschäftskunden „dramatisch“ zurückgehen lasse. Dementsprechend steige der Bedarf an Einkaufs-Know-how. Um diesen zu decken, bietet progros seit kurzem auch Einkäuferseminare an, in denen sich die Teilnehmer das nötige Wissen aneignen können. Laut Jochen Oehler sind für dieses Jahr zehn Seminare geplant.

Moderne IT hält Einzug in die Hotellerie.

Besser sieht es bei der Unterstützung der Beschaffungsprozesse durch moderne Informations- und Kommunikationstechnik aus. „Seit etwa zwei Jahren hält die Technologie auch im Hotel-Einkauf Einzug“, weiß Oehler zu berichten. Seit Oktober 2008 etwa haben Hotels und Hotelketten, die im progros-Einkaufspool sind, Zugriff auf die elektronische Beschaffungsplattform „Future Log“. Nach Angaben von progros lassen sich dadurch die Einkaufskosten der Betriebe um etwa zehn Prozent und der durchschnittliche Zeitaufwand für eine Bestellung um 50% reduzieren. Darüber hinaus habe derzeit schon jeder dritte progros-Kunde auf die elektronisch Rechnungsübermittlung umgestellt.

Von der gegenwärtigen Krise ist progros nicht betroffen, im Gegenteil, Jochen Oehler blickt nach eigener Aussage „absolut positiv“ in die Zukunft. Das geschärfte Kostenbewusstsein in der Hotellerie steigere die Nachfrage nach den von progros angebotenen Dienstleistungen noch, erklärt der Geschäftsführer. Für dieses Jahr peile man einen Umsatzzuwachs auf rund 140 Mio EUR an − das entspräche einem Plus gegenüber 2008 von fast 17%.
Mark Krieger



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